Wetternreinigung und Grabenkleien

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Bewirtschaftung der schleswig-holsteinischen Marschen ist das Funktionieren des in jahrhundertelanger Arbeit von Menschenhand geschaffenen Entwässerungssystems, das das ganze Land durch ein engmaschiges Netz paralleler Gräben in lange, ca. 15-20 m schmale Stücke mit flachgewölbtem Querschnitt einteilt. Diese Gräben entwässern durch einfache Siele aus Holz- oder Tonrohren in die quer zu ihnen verlaufenden »Wettern«. Das sind größere Entwässerungskanäle, die ihrerseits durch Schleusen mit den Flüssen in Verbindung stehen, so dass das Wasser bei Niedrigwasser der Flüsse aus den Wettern ablaufen, bei Hochwasser dagegen kein Wasser in das Wettern eindringen kann.
Zweimal im Jahr mussten die Wetter gereinigt wer-den, dass »Wetternmächen« war Pflicht für jeden Besitzer in dem ihm zugewiesenen Schlag und wurde bei der »Wetternschau« kontrolliert. Die Gräben wurden dagegen alle 7-8 Jahre im Zusammenhang mit der Brache einmal »gekleit«, d. h., dass der von den Gra-benrändern herabgerutschte Kleiboden abgestochen und ausgeworfen wurde, nachdem der Wasserspiegel in dem betreffenden Grabenstück entsprechend abgesenkt worden war.
Die Wettern- und Grabenreinigung wurde meistens von Tagelöhnern ausgeführt, die den ganzen Tag über auf dem Felde blieben. Als Schutz gegen Wind und Regen hatten sie eine transportable »Kleierhütte«, einen Wandschirm, wie ihn auch die Chausseearbeiter, die Torfgräber und die Deicharbeiter benutzten. Hier legten sie ihre Utensilien ab, Tragestock, Leder ranzen, Kaffeeflasche, einen alten Blecheimer mit einem Spiritusbrenner darin, um das Essen im Emailtopf aufzuwärmen. Für die Arbeit in dem Schlamm der Gräben trugen die Kleier hohe wasserdichte Kleierstiefel.
Zum Wetternmachen gebrauchte man verschiedene Geräte, die zum Teil landschaftliche Unterschiede aufweisen. Zum Abhauen des Bewuchses an den Böschungen dienten eine gewöhnliche Sense und das »Schoofeisen«. Der Bewuchs auf der Grabensohle wurde mit dem »Schierer« abgeschnitten und dann mit dem Grabenhaken bzw. dem Krauthaken oder großen Krautharken herausgefischt. Zum Schluss zog man den Modder der Grabensohle mit der »Ladj« auf den Uferrand und strich ihn dort mit der Unterseite der »Ladj« glatt, so wie es für die Wetternschau vorgeschrieben war. Heute werden meistens nur noch die kleinen Anschlußwettern von den Anliegern gereinigt, während die Instandhaltung der Hauptwettern von den Sielverbänden meistens an Tiefbaufirmen vergeben wird. Zum Überspringen der Gräben beim Gehen querfeldein diente der Springstock, ein Gerät, das unter verschiedenen Bezeichnungen und mit unterschiedlichen Formen des Fußes an der ganzen Westküste bekannt war.
Zum Kleien der Gräben, die durch kleine Querdämme mit Durchlässen in Stücke von ca. 60-80 m aufgeteilt waren, musste zuerst das Wasser ausgeschöpft werden. Das geschah mit Hilfe von großen hölzernen Wasserschaufeln, die meistens paarweise an einem Bindebaum quer über den Graben dicht hinter einem Querdamm aufgehängt waren, so dass das Wasser beim Vorschwung der Schaufeln - etwa 15 Schwünge pro Minute - über den Damm befördert wurde. Der Durchlass am Damm war dazu vorher durch einen Schott mit Pfählen, die mit einer Holzkeule eingeschlagen wurden, geschlossen worden. Die Schaufeln konnten mit einer sinnreichen Knebelaufhängung entsprechend dem Absinken des Wasserspiegels herabgelassen werden. Wenn das Grabenstück fast ganz leer war, wurde der letzte Wasserrest mit einer »Gölte« ausgeschaufelt. Nun erst konnte das eigentliche Grabenkleien mit den Kleierspaten beginnen. Zunächst wurde der obere Rand entlang einer aus Pferdehaar und Hanf gesponnenen Kleierleine, dann die Grabenwangen abgestochen und die Kleierde zu einem schmalen Wall an der oberen Uferkante aufgeworfen. Nachdem mit dem Kleierhaken das Kraut von der Grabensohle herausgezogen war, stiegen die Kleier mit ihren hohen Stiefeln in den Graben und warfen den Schlamm von der Grabensohle mit der Schnittschaufel oder, wenn er sehr weich war, mit der muldenförmigen Muttschaufel hinter den Wall. Wie die Torfspaten bestanden auch diese Geräte aus Holz mit einer Stahlschneide, die auf einem Wetzstein öfters nachgeschärft wurde.
Das Ausschöpfen der Gräben mit Wasserschaufeln kam schon in den 1920er Jahren aus dem Gebrauch, als Motorpumpen und Schöpfwerke an ihre Stelle traten. Seitdem die Gräben in zunehmendem Maße durch Drainagerohre (vgl. Drainage) ersetzt und zugeschüttet werden, entfällt auch die schwere Arbeit des Kleiens, die früher auf allen Marschhöfen mehrere Tagelöhner von der Ernte bis zum Einbruch des Frostes beschäftigte.
Dokumentationsfilme zum Thema:
Arbeit mit Wasserschaufel und Grabenreinigungsgerät, Seestermühe, Arnold Lühning, 1961: https://av.tib.eu/media/18233