Das Göpelschauer in Seestermühe
historisches Gebäude und Standort einer Dorfsammlung
Von Rainer Adomat (2025)
Das Göpelschauer ist das Symbolgebäude von Seestermühe, auf dem
Wappen der Gemeinde hat seine Abbildung einen prominenten Platz
gefunden. Dabei ist das Göpelschauer ein eher bescheidenes
Nebengebäude auf einem Marschhof gewesen. Doch ist der historische
Wert des Schauers beträchtlich, denn Göpel und die Gebäude, die sie
beherbergten, war Zeugen des Übergangs der Landwirtschaft vom
vorindustriellen, nur von Handarbeit geprägten Zeitalters zum
Industriezeitalter, in dem Maschine die Arbeitsvorgänge übernahmen und
prägten.
Das Göpelschauer, die Technik, die das Gebäude beherbergte und seine
spätere Umwandlung zum Heimatmuseum sind ausführlich und
kenntnisreich durch Arnold Lühning (1923 – 2002) beschrieben worden, der
an der Einrichtung der heutigen Sammlung beteiligt war und mit Rat und
Tat mitwirkte. Lühning war von 1957 bis 1988 als Kustos am Landesmuseum
auf Schloss Gottorf tätig. Er war maßgeblich für die umfangreiche
„Volkskundliche Landesaufnahme Schleswig-Holstein“ verantwortlich, die
1957 auf den Weg gebracht wurde. In jener Zeit des Wirtschaftswunders
wurden die letzten Bestände an traditioneller Feld-, Haus- und
Hofwirtschaft durch industrielle Produkte und industriell geprägte
Arbeitstechniken verdrängt. Lühning sammelte intensiv in allen Regionen
Schleswig-Holsteins und baute Kontakt zu einer Reihe von wichtigen
Vermittlern auf, die ihn mit Objekten und Wissen um fast vergessene
Arbeitsvorgänge versorgten. Franz Breckwoldt aus Seestermühe gehörte zu
diesem Kreis. Breckwoldts umfangreiche persönliche Sammlung von
traditionellen Gerätschaften und auch Maschinen der Frühzeit der
Industrialisierung war für das Landesmuseum von Interesse. Zahlreiche
Objekte, darunter die funktionsfähige Lokomobile, ein Lieblingsstück von
Breckwoldt, fanden den Weg ins Landesmuseum. Außerdem führte
Lühning mit Breckwoldt umfangreiche Tonbandinterviews zu Leben und
Arbeiten in der Elb marsch im ausgehende 19.und der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts. Diese sind eine wichtige Quelle der regionalen
Geschichtsforschung, die noch näher erschlossen und bewahrt werden
sollte.
Anfang der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts erfolgte im damaligen
Konrad-Struve-Museum in Elmshorn unter der Regie von Uwe Köpcke und
einer Museumsgruppe die Neuausrichtung des dortigen Museums. Arnold
Lühning beriet dieses Team, dessen Wirken letztlich im Aufbau des
heutigen Industriemuseums ein greifbares Ergebnis fand. Auch Franz
Breckwoldt gehörte in jenen Jahren zu den Förderern des Museums in
Elmshorn, das er ebenfalls mit einer beachtlichen Zahl von Objekten
versorgte.
Als das Göpelschauer dann um 1989 nach seiner umfassenden Sanierung zu
einer Schausammlung mit historische n Gegenstände werden sollte, kamen
wiederum etliche Objekte von Franz Breckwoldt. Diese waren aber nur der
Impuls für eine noch größere Zahl von Sachspenden, die von anderen
Bewohnern Seestermühe beigesteuert wurden. Bei der Einrichtung der
Sammlung war Arnold Lühning auch persönlich vor Ort und half, wie schon
gesagt, mit Rat und Tat.
In der 1991 von der Gemeinde Seestermühe heraus gegebenen Buch „Die
Seestermüher Geschichte – Band 1 – 850 Jahre Seestermühe“ wurde auch
die neu eingerichtete Sammlung im Göpelschauer berücksichtigt (Das
Göpelschauer auf dem Hof Claus Detjens I und die Dorfsammlung in
Seestermühe - Franz Breckwoldt gewidmet von Arnold Lühning, S. 82 ff.)
Dieser Beitrag von Arnold Lühning, der dabei auch näher auf die Geschichte
des Gebäudes und auch der darin befindlichen Antriebstechnik eingeht,
wird nachstehend umfangreich zitiert:
„1. Göpel und Göpelschauer
Was ein „Göpelschauer“ ist, wissen heute wohl nur noch wenige, denn die
Sache und das Wort gerieten schon vor einem halben Jahrhundert in
Vergessenheit, als Göpel ausgedient hatten, abgebrochen und verschrottet
wurden.
Ein Göpel ist ein von Pferden bewegter Zahnradmechanismus, der dazu
dient, die tierische Zugkraft auf eine Arbeitsmaschine zu übertragen. Die
Vorläufer solcher Vorrichtungen waren große schwerfällige hölzerne
Roßräder („Roßwerke‘“), die schon seit dem späten Mittelalter u. a. im
Bergbau, in Grützmüllereien und Blaufärbereien (zum Antrieb der schweren
Zeugmangeln) eingesetzt wurden. Seit dem 18. Jahrhundert gelangten
Roßräder auch im ländlichen Bereich zur Anwendung, und zwar zum
Betrieb der großen Butterfässer in Gutsmeiereien, aber erst das
Aufkommen von Dresch- und Häckselschneidemaschinen in der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts schuf die Voraussetzungen für den Einsatz von
tierkraftbetriebenen Mechanismen in größerem Umfang. Die englische
Maschinenindustrie entwickelte in dieser Zeit gußeiserne Rundgang-
Göpelwerke, bei denen ein bis vier (bei besonders großen sogar bis zu acht)
Pferde, die an hölzernen Zugstangen im Kreise liefen,ein Zahnrädergetriebe
in schnelle Umdrehung versetzten, um mittels einer eisernen Welle mit
beweglichen Zwischengelenken (Kardan-Welle) als Transmission die
Arbeitsmaschine, d. h. vor allem Dreschmaschinen, anzutreiben.
Es dauerte nicht lange, bis diese neue technische Errungenschaft auch auf
dem Festland Fuß faßte, und so meldete schon 1835 die 1827 gegründete
Carlshütte bei Rendsburg, die erste Eisengießerei unseres Landes, daß sie
neben vielem anderen auch „....diverse Häcksel- und
Kornreinigungsmaschinen, . ..Dreschmaschinen für Pferdekraft... und...
Roßtretwerke zu Dreschmaschinen . .. .“ lieferte, wobei zu den Gußmodellen
ausdrücklich bemerkt wurde, daß sie „nach Zeichnungen ausgeführt
werden, die entweder eigene Ideen und Erfindungen, oder auch Copien von
im Ausland vorhandenen Gegenständen sind. Nicht selten werden auch
kostspielige Original-Maschinen und Geräte vom Auslande bezogen, und
nach diesen die erforderlichen Modelle hergestellt“. Daß dem tatsächlich so
war, kann man aus dem illustrierten „Preis-Courant über landwirtschaftliche
Maschinen und Geräte der Carlshütte“ aus dem Anfang der 1850er Jahre
ersehen, in dem vier verschiedene Göpel und mehrere Dreschmaschinen
erscheinen, die wohl alle nach englischen Vorbildern gebaut worden.
In welchem Umfang sie damals bereits Eingang in die schleswig-
holsteinische Landwirtschaft fanden, ist noch nicht ausreichend untersucht
worden, aber es gibt verschiedene Hinweise darauf, daß es neben den
Gütern im östlichen Schleswig-Holstein vor allem die großbäuerlichen
Betriebe an der Westküste und in den holsteinischen Marschen waren, die
der Einführung solcher Arbeitskräfte sparenden Maschinen besonders
aufgeschlossen gegenüberstanden.
Wie stürmisch die Entwicklung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
weiter verlief, ist daran abzulesen, daß auf der 11. Wanderausstellung der
Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 1897 in Hamburg 21
Maschinenfabriken insgesamt 94 Göpel verschiedenster Arten und Größen
anzubieten hatten, obwohl damals bereits Dreschdampflokomobilen in
großer Anzahl (24 deutsche und englische Fabrikanten boten 82
verschiedene Maschinen an) und die ersten Elektromotoren (3 Firmen
boten 13 verschiedene Motoren an) den Göpeln das Feld streitig zu machen
begannen. Da aber die Preise für Göpel (je nach Größe und Bauart ca. 120 -
300 Goldmark) nur einen Bruchteil der Preise für Dreschdampflokomobilen
(2700 – 6300 Goldmark) und Elektromotoren (900 - 2700) Goldmark)
betrugen, bildeten Göpel eine preiswerte Alternative auch für kleinere
landwirtschaftliche Betriebe, zumal die Pferde, die im Winter ohnehin nur
wenig gebraucht wurden, als Zugkräfte ja zur Verfügung standen und die
Dreharbeit auf diese Weise ohne fremde Hilfe bewältigt werden konnte.
Die damals in Schleswig-Holstein gebräuchlichsten Göpel gehörten zum
Typus der „stationären, liegenden Göpel“. D. h., daß sie mit einem eisernen
oder hölzernen Rahmen fest auf einem Untergrundfundament installiert
waren und daß die horizontale Antriebswelle möglichst in einer verdeckten
Rinne zur Arbeitsmaschine verlief, damit die Pferde beim Gang um den
Göpel nicht behindert wurden. Dabei unterschied man konstruktiv
zwischen „Stirnradgöpeln“, „Glockengöpeln“ (Sicherheitsgöpeln) und
„Bockgöpeln“, die letzteren wurden bei starker Beanspruchung bevorzugt.
Transportable Göpel, die auf einem zweirädrigen Fahrgestell montiert und
früher weitverbreitet waren, spielten zu dieser Zeit nur noch eine
untergeordnete Rolle.
Da die Zugbäume eine Länge von drei bis vier Metern haben sollten, um die
Zugkraft der Tiere möglichst gut ausnutzen zu können, brauchten Göpel
beim Betrieb relativ viel Platz, so daß sie anfänglich wohl immer im Freien
dicht vor oder neben dem Gebäude, in dem gedroschen werden sollte,
aufgestellt wurden. Die lange (oft mehrteilige) Göpelwelle sollte dabei
möglichst gestreckt, d. h. ohne Knicke, auf die Maschine zulaufen. Es gab
mehrere gute Gründe, den freistehenden Göpel dicht an das Gebäude
heranzuziehen und mit einem offenen oder geschlossenen Schauer zu
überdachen und vor Witterungseinflüssen zu schützen. Je kürzer und
gerader die Kraftübertragung, um so geringer die Kraftverluste, die beim
Göpel in ungünstigen Fällen bis zu über 60 Prozent betragen konnten. Da
im Herbst und Winter gedroschen wurde, war es auch für die Pferde - und
den Treiber - angenehmer, ein Dach über dem Kopf zu haben und im
Trockenen zu arbeiten. Außerdem bot sich auf diese Weise die Möglichkeit
einer technischen Erweiterung: Wenn innerhalb des Ge bäudes zwischen
Göpelwelle und Arbeitsmaschine eine Transmission mit Riemenscheiben
installiert wurde, konnten außer der Dreschmaschine weitere
kraftaufwendige Maschinen angetrieben werden: Häckselmaschine,
Rübenschneider, Schrotmühle, Wasserpumpe und Buttermühle, und das ist
auf größeren Höfen bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts auch
geschehen.
So entstanden seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in den Anfang des 20.
Jahrhunderts zahlreiche Göpelschauer, einfache Zweckbauten, die - sofern
sie nicht teilweise in das angrenzende Gebäude integriert waren - einen
achteckigen (manchmal auch sechseckigen) Grundriß (Durchmesser ca.
acht bis neun Meter) und ein kegelförmiges Dach besaßen. Die
Konstruktion war relativ einfach: Acht hölzerne Eckständer, ca. 2,2 Meter
hoch, darüber ein rundum laufendes Rähm und darauf das Dachwerk mit
Spannbalken und einem Tragwerk mit zentraler Hängesäule, deren oberes
Ende als Spitze aus dem Dach herausragte. So entstand ein knapp 60
Quadratmeter großer stützenfreier Raum, in dessen Mitte das eiserne
Göpelwerk installiert war. Im Allgemeinen waren die Wände der
Göpelschauer geschlossen, bei den jüngeren mit einer einfachen
Bretterverschalung, bei den älteren, die sich allerdings nur in der Marsch
nachweisen lassen, mit Ziegelmauerwerk. In einem der acht
Wandsegmente befand sich ein Tor, in den übrigen saßen ein paar kleine
Fensterluken. Die jüngeren holzverkleideten Göpelschauer hatten stets
relativ flache Teerpappedächer, während die älteren mit massiven Wänden
meistens reetgedeckt und dementsprechend steiler waren.
Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß der Umgang mit Göpelwerken nicht
ganz unproblematisch war, trotz der großen Arbeitserleichterungen und
Leistungssteigerungen, die ihr Einsatz mit sich brachte. Vor allem in der
Frühzeit des Göpeldruschs, als es noch wenig Erfahrungen und keine
Sicherheitsvorschriften gab, kam es immer wieder zu Unfällen, wenn Frauen
und Kinder, die als ungelernte „billige“ Arbeitskräfte beim Pferdetreiben und
an den Maschinen eingesetzt wurden, mit Röcken und Schürzen in die
offenen Zahnradgetriebe und freiliegenden Göpelwellen gerieten, was, so
wörtlich, „von zermalmender Wirkung“ war. Es wurde aber auch darüber
geklagt, daß sich bei den Männern kein Gespür für die Belastbarkeit der
Maschinen entwickeln wollte, obwohl dieselben Männer beim Umgang mit
ihren Handarbeitsgeräten, Sensen, Forken, Spaten etc., stets ein feines
Fingerspitzengefühl bewiesen. So passierten häufig Schäden und
Zerstörungen, weil man es einfach auf „Gehen oder Brechen“ ankommen
ließ. Auch für die Pferde, die in gleichmäßigem Zug vor dem Göpel gehen
sollten, konnten sich erhebliche Belastungen ergeben, wenn die Garben an
der Dreschmaschine nicht sorgfältig und kontinuierlich eingelegt wurden,
wenn plötzliche Hemmungen in der Maschine eintraten oder wenn eins der
Zugpferde träge wurde.
Um solcher Gefahren und Schwierigkeiten Herr zu werden, bedurfte es
nicht nur Erfahrungen im Umgang mit den neuen Maschinen, sondern
auch zahlreicher Verbesserungen und zusätzlicher Vorrichtungen, die im
Laufe der Zeit entwickelt wurden. Gefährliche und offene Maschinenteile
erhielten Verkleidungen, federnde „Pferdeschoner“ an den Zugsträngen
und Zugausgleichsvorrichtungen sorgten für eine gleichmäßigere
Auslastung der Pferdekraft, Ausrückkupplungen und Bremsvorrichtungen
konnten die Maschine zum sofortigen Stillstand bringen und verhinderten
zugleich, daß die Zugtiere bei plötzlicher Entlastung der Göpelwerke
stürzten.
So erreichten die Göpel im späten 19. Jahrhundert einen technischen
Entwicklungsstand, der im Rahmen dessen, was sie leisten konnten, wohl
das Optimum des Möglichen darstellte. Es ist bezeichnend, daß gerade zu
dieser Zeit die ersten Elektro- und Vergasermotoren in den
landwirtschaftlichen Arbeitsbereich eingeführt wurden und die tierische
Zugkraft zu verdrängen begannen. 1922 boten zwar noch rund 10 deutsche
Maschinenfabriken Göpel an, doch war ihre große Zeit schon überschritten.
Der zweite Weltkrieg zwang zwar hier und da zum Rückgriff auf noch
vorhandene Göpelwerke, aber das bedeutete nur einen kurzen Aufschub.
Nach dem Krieg verfielen die leicht gebauten und oft schon zu
Geräteschuppen umgenutzten Göpelschauer und die eisernen Göpelwerke
wanderten in den Schrott.
1960 gab es im Kreis Pinneberg noch 18 , zum großen Teil schon stark
verfallene , Göpelschauer und zwei eiserne Göpelwerke. Heute, 1991, gibt es
keinen Göpel mehr und eines der letzten Schauer ist auf dem Hof Detjens in
Seestermühe erhalten geblieben.
2. Das Göpelschauer auf dem Hof Claus Detjens
Der Hof Claus Detjens in Seestermühe liegt dicht am alten Elbdeich bei
einer Stöpe, die in die (seit 1968 eingedeichten) Außendeichsländereien
führt. Das 1812 erbaute große Marschenbauernhaus wird landwirtschaftlich
jetzt nicht mehr genutzt. An der linken Längsseite des Wirtschaftsteils ist in
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Göpelschauer mit massiven
Außenwänden und hohem kegelförmigen Reetdach errichtet worden.
Ursprünglich stand es wahrscheinlich frei, wurde aber später durch einen
kleinen Flachdachanbau so mit dem Haupthaus verbunden, daß man von
diesem direkt in das Schauer gelangen konnte. Die Göpelwelle führte also
vom Schauer seitlich in den Dielenbereich des Hauses. Hier konnten je nach
Bedarf eine Dreschmaschine, eine Häckselmaschine oder eine
Wasserpumpe angetrieben werden.
Als das Göpelschauer 1960 im Rahmen einer Inventarisation der Kunst - und
Baudenkmäler des Kreises Pinneberg besichtigt wurde, war das Gebäude
zwar noch intakt, hatte aber seinen Göpel bereits verloren und diente
anderen Zwecken. Der zunehmende bauliche Verfall in der Folgezeit hätte
fast zum Verlust des Gebäudes geführt, wenn sich die Gemeinde
Seestermühe nicht entschlossen hätte, das Gebäude zu vererben (muss
heißen: erwerben), um es wieder instand zusetzen und für seine zukünftige
Unterhaltung zu sorgen. Obwohl zu diesem Zeitpunkt noch keine festen
Vorstellungen hinsichtlich der weiteren Nutzung des Göpelschauers
bestanden, zeichnete sich doch bereits die Idee ab, daß man in dem
Gebäude eine kleine Ausstellung mit einem auf das eigene Dorf bezogenen
Thema einrichten könnte, für die Seestermüher selbst, aber nicht minder
auch für die vielen - vor allem Hamburger - Besucher und Gäste, die im
Sommer kommen, um die landschaftlich so reizvolle Seestermüher Marsch
kennenzulernen. Doch bis es soweit war, mußte noch viel Arbeit getan
werden. Mit Mitteln aus dem Preis „Schönes Dorf“, den die Gemeinde 1987
gewonnen hatte, mit Beihilfen aus der Denkmalpflege, des Kreises
Pinneberg, der Gemeinde Seestermühe, vor allem aber mit erheblichen
Eigenleistungen hilfsbereiter und engagierter Einwohner (1200
Arbeitsstunden) wurde das Gebäude völlig saniert, neu gedeckt und der
jüngere Verbindungstrakt beseitigt, so daß es wieder freistand. Anstelle des
alten Lehmbodens wurde ein Ziegelboden verlegt, das Gebäude erhielt
einen Stromanschluß für Beleuchtung, und für zukünftige Besucher wurde
eine eigene Zuwegung mit einer Treppe vom Elbdeich herunter geschaffen.
Im Frühjahr 1989 waren die Arbeiten so weit vorangeschritten, daß mit der
Planung und dem Aufbau einer Ausstellung begonnen werden konnte.
3. Die Dorfsammlung im Göpelschauer
Göpelschauer als reine Nutzbauten zur Unterbringung eines
Arbeitsmechanismus für Maschinen waren die ersten Bauwerke im
ländlichen Raum, in denen sich der Übergang zur Mechanisierung
bäuerlicher Arbeit niedergeschlagen hat. Damit repräsentieren sie ein
wichtiges Kapitel der Landwirtschaftsgeschichte, in dem die menschliche
Arbeitskraft durch einen pferdegetriebenen Mechanismus ersetzt und die
dadurch zu erzielende Leistung vervielfacht wurde. Was das für die
wirtschaftlichen Verhältnisse des 19. Jahrhunderts bedeutete, ist aus
heutiger Sicht nur noch schwer nachvollziehbar, weil wir in ganz anderen
Energie-Größenordnungen zu denken gewohnt sind. Aber für damalige
Vorstellungen müssen die Möglichkeiten, die sich mit dem Einsatz von
Göpeln eröffneten, aufregend und zukunftsweisend gewesen sein.
Unter diesem Gesichtspunkt war es ein glücklicher Gedanke, in dem
funktionslos gewordenen Göpelschauer eine kleine Sammlung ländlicher
Arbeitsgeräte einzurichten, in denen sich die Arbeitspraktiken eben jener
Zeit widerspiegeln, in der das Gebäude seinem eigentlichen Zweck diente,
auch wenn die Installation eines alten Göpelwerks nicht mehr möglich war.
Der Schwerpunkt der Darstellung sollte dabei natürlich auf solchen
Arbeitsbereichen liegen, die in dem Marschendorf Seestermühe eine
besondere Rolle gespielt hatten.
Die Idee dazu lag auch insofern nahe, als in der Person des Seestermüher
Altbauern Franz Breckwoldt ein geistiger und praktischer Ansatzpunkt für
die Ausführung eines solchen Vorhabens gegeben war. Franz Breckwoldt
hat von Kindheit an ein lebhaftes Interesse für die Geschichte seines Dorfes
und die Lebens- und Arbeitsverhältnisse seiner Bewohner besessen. Eine
natürliche Folge dieser Neigungen war, daß auf dem Hof Breckwoldt vieles
aufbewahrt wurde und erhalten blieb, was anderswo leichten Herzens
aufgegeben und weggeworfen wurde. Es kennzeichnet die geistige
Haltung, die dahintersteht, daß dieses Aufbewahren und Sammeln nie um
des Habenwollens willen geschehen ist, sondern im Sinne eines
Treuhänders und Sachwalters von Wissen und Dingen, die aus seiner Sicht
noch etwas zu sagen haben, die Zeugen sind und Auskunft geben können
zu der Frage, wie man früher mit den Aufgaben und Anforderungen des
täglichen Lebens fertig geworden ist.
In diesem Sinne hat Franz Breckwoldt auch niemals gezögert, etwas von
seinem Wissen und von seinen Sachen abzugeben, wenn er das Gefühl
hatte, daß es der Allgemeinheit zugutekommen würde. Davon haben im
Laufe langer Jahre viele Menschen und vor allem auch die Volkskundlichen
Sammlungen des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums in Schleswig
und des Konrad-Struve-Museums in Elmshorn profitiert. Es war nur
konsequent, wenn nun auch die Gemeinde Seestermühe sich dieser
Möglichkeiten besann und die Hilfe Franz Breckwoldts beim
Zustandekommen einer angemessenen Dorfsammlung in Anspruch nahm.
So stammt vieles von dem, was jetzt im Göpelschauer zu sehen ist, aus dem
persönlichen Besitz von Franz Breckwoldt, aber noch viel mehr wurde
bereitwillig gespendet von Menschen aus der Gemeinde, als sie erfuhren,
was da entstehen sollte. Es ist bezeichnend für die Anteilnahme der
Seestermüher und ihre Aufgeschlossenheit, daß bei einer solchen
spontanen Gebef reudigkeit beträchtlich mehr zusammenkam, als bei allem
guten Willen auf der beschränkten Grundfläche von nur 38 Quadratmetern
im Göpelschauer unterzubringen war. So mußte manches zunächst
eingelagert werden, was erst später einmal im Rahmen zukünftiger
Ausstellungen eine sinnvolle Verwendung finden kann. Andererseits ließ
sich nicht vermeiden, daß bei einer durch spontane Gebefreudigkeit und
nicht durch systematische Aufbauarbeit entstandenen Sammlung auch
Lücken bleiben mußten, die vielleicht erst später oder auch nicht mehr
geschlossen werden können. Was die Sammlung jetzt enthält, gliedert sich
zwanglos in die folgenden Themen- und Arbeitsbereiche:
Hauswirtschaft mit Küchen-, Herd- und Schlachtgerät, Geräten der
Milchwirtschaft, der Lebensmittelkonservierung u. v. a.
Feldbestellung mit Gerätschaften zum Düngen, Pflügen, Säen und
Pferdegeschirre. Erntearbeit mit Handerntegeräten für Heu, Getreide und
Raps, darunter die für die Marschen besonders typischen Sichten mit
Mathaken und Rapssaatmesser.
Getreideaufbereitung mit Dreschgeräten, Sieb- und
Körnerreinigungsvorrichtungen, Gerätschaften zur Kornlagerung,
Sackkarren etc.
Graben- und Wetternreinigung mit über einem Dutzend spezifischer
Geräte, darunter eine riesige Wasserschaufel, für diese schwere
Spätherbstarbeit.
Reetgewinnung und Reetdachdecken. Seestermühe besaß in den Schallen
des Deichvorlandes und auf der Elbinsel Pagensand große Reetplantagen,
die in jedem Winter abgeerntet werden mußten. Auch dazu bedurfte es
spezieller Arbeitsgeräte.
Obstbau und Gartenarbeit. Zahlreiche Geräte des Obstanbaus, der in
Seestermühe eine große Rolle spielte: Leitern, Körbe, Kisten, Spritzen,
Baumpflegeräte etc., ferner Spaten, Hacken, Harken, Pflanzer etc. für
Garten- und Rübenbau.
Bandreißerei. Das Gewerbe der Bandreißer fertigte aus den in großen
Weidenplantagen gewonnenen Weidenruten Faßreifen für Holzfässer aller
Art, vor allem aber Butterfässer, an. Alle Arbeitsgeräte dafür sind vertreten.
Fischerei. Auch Fischfang in der Elbe, der Krückau und der Pinnau sowie in
den Gräben und Wettern spielte eine erhebliche Rolle für zahlreiche
Einwohner der Gemeinde: Aalkörbe und Reusen, Netze, Ketscher,
Fischerbekleidung und zahlreiches Kleingerät sowie Schiffszubehör.
Angesichts der Fülle des Materials wurde bewußt auf eine „professionell-
museale“ Art der Darstellung verzichtet, das wäre bei der Vielzahl der
Gegenstände, der Begrenztheit des Raumes und auch dem
konservatorischen Zustand der Sachen ganz unangemessen gewesen.
Zukünftige Erschließungsarbeit wird hier und da noch manches verbessern
können. Aber gerade die dichte und ganz unprätentiöse Atmosphäre dieser
Dorfsammlung vermag schon jetzt dem aufgeschlossenen und
aufmerksamen Besucher eine Vorstellung von der Vielseitigkeit, aber auch
von der Menge und der Schwere der täglich zu bewältigenden Arbeit in
einem Marschendorf vermitteln. Sie erforderte den Einsatz des ganzen
Menschen, von jung und alt, von Mann und Frau, und war dabei oft genug
auf nachbarschaftliche Hilfe angewiesen.“
Die Sammlung wurde am 27. August 1989 im Rahmen eines Dorffestes der
Öffentlichkeit übergeben.“
Weitere Informationen und unseren Film dazu finden Sie hier.