Torfgewinnung

Schon im Mittelalter hatte man in Nordfriesland in beträchtlichem Umfang Torf abgebaut, der aber hauptsächlich zur Gewinnung von Speisesalz aus dem Salztorf der Watten gebraucht wurde. Größere Bedeutung als Brenntorf-Lagerstätten gewannen die riesigen Torfmoore Schleswig-Holsteins - man schätzte sie auf rund 50.000 ha - erst seit dem 17. Jh. im Zusammenhang mit dem Aufkommen des Ziegelbrennens auf dem Lande und durch den zunehmenden Holzmangel infolge des enormen Bedarfs an Bauholz für Schiffe und Häuser in dieser Zeit. Der größte Teil der Moorländereien befand sich im Besitz der Krone bzw. der adligen Grundherren, entweder als völlig ungenutzte und kaum zugängliche Wildnis oder aber als dörfliche Allmende, die den Bauern als Weide oder für die Torfgewinnung zur Verfügung stand.
Obwohl man bis in das 19. Jh. der Ansicht war, dass abgegrabene Torfmoore sich in rund 120 Jahren regenerieren würden, dass also die Torfvorräte sich niemals erschöpfen könnten, versuchten die Landesbehörden schon im 18. Jh. durch Verordnungen eine gerechte Aufteilung der Moorländereien auf die einzelnen Dörfer und zugleich eine sparsame Bewirtschaftung herbeizuführen, was allerdings wenig Erfolg hatte, da man nur die oberen Schichten unterhalb der Gras- und Heidenarbe, also den leichten »weißen Torf«, abbaute. Tiefer zu gehen verbot sich einmal des Wassers wegen, zum anderen glaubte man noch im 18. Jh., dass der tieferliegende fette weiche »schwarze Torf« zum Brennen nicht tauge.
Die Torfgewinnung dieser Zeit beschränkte sich also auf das Stechen von etwa ziegelgroßen Soden mit Hilfe von lanzett- oder spatenförmigen Stechern für senkrechte Schnitte und kurzen flachen Schaufeln für die horizontalen Schnitte. In den nordfriesischen Mooren brauchte man schaufelartige »Flachenspaten« für die geringwertigen Heidetorfsoden. Bei allen älteren Formen war das hölzerne Blatt mit einer Stahlschneide bewehrt, die jüngeren bestanden ganz aus Eisen.
Im 19. Jh. entwickelten sich neue Geräte für rationelleres Arbeiten: Torfhauer und »Spetter« zum Abteilen der Soden und Federspaten, die zwei Schnitte zugleich machten. Beim Arbeiten vor der Torfbank trug man Fußbretter, um den weichen schwarzen Torf, auf dem man stand, möglichst wenig zu zertreten. Die gestochenen Soden wurden auf einem mit einem Pferd bespannten Schleifbrett zum »Settland«, dem Trockenland, gezogen, wo man sie zum Trocknen in Reihen absetzte. Mit der handbetriebenen »Wasserschnecke«, einer archimedischen Schraube, die in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts nach dem Vorbild niederländischer Entwässerungsmühlen in Schleswig-Holstein in Gebrauch kam, wurde das Wasser aus den Torfkuhlen in die höher gelegenen Entwässerungsgräben geschöpft. Solche Schöpfmühlen konnten auch durch Windkraft angetrieben werden, daneben gab es in Nordfriesland auch Wind-Wasserpumpen (aufgestellt im Freigelände des Innenhofes), die nach dem Kolbenprinzip arbeiteten.
Manche Landschaften entwickelten eigene Geräteformen, die sich mehr oder weniger deutlich von anderen abheben.
Der extensive Abbau der Moore führte dahin, dass in einigen Landschaften am Ende des 18. Jahrhunderts die oberen Schichten der Moore, die als abbauwürdig galten, weitgehend abgetorft waren. 1793 wird zum ersten Mal davon berichtet, dass man in Angeln begonnen habe, die zum Stechen nicht geeignete »unbrauchbare Moorerde« zu Torfbrei zu zertreten und in Formen zu streichen, eine Methode, die damals in den Niederlanden längst geläufig war und die sich in der Folge in Schleswig-Holstein überall dort durchsetzte, wo Torfstechen sich nicht mehr lohnte. Die Art des Streichens mit Streichbrettchen (wie beim Ziegelstreichen) oder hölzernen Streichschaufeln richtete sich nach der Größe der Formen von 2 bis zu 78 Soden, die entweder auf der »Streichkarre« oder auf dem »Settland« liegend mit Torfbrei gefüllt, glattgestrichen und umgekippt wurden. Die Streichsoden trockneten danach auf etwa die Hälfte ihres Volumens zusammen, hatten aber einen beträchtlich höheren Brennwert als die leichteren Stechsoden.
In Mooren, die wegen ihres hohen Wasserstandes nicht tiefer abgegraben werden konnten, z. B. in einigen Mooren Dithmarschens und Ostholsteins, führten ostfriesische Torfgräber das »Torfketschern« ein, eine Technik, bei der mit einem eisernen scharfschneidigen Ketscher an einer ca. 7 m langen Stange der Torfschlamm aus großer Tiefe heraufgefischt wurde. Die Männer trugen bei dieser schweren Arbeit lederne Schulter- und Hüftschützer und einen Zuggürtel, um sich das Herausziehen des ca. 50 Pfund schweren Ketschers zu erleichtern. Der Torfschlamm wurde mit einer Schaufel in große Formen gestrichen, nachdem er mit dem Torfhaken zu einem gleichmäßigen Brei durchgearbeitet worden war.
Am Ende des 19. Jahrhunderts kamen dann vereinzelt auch von Pferden gezogene Sturzkarren mit Messerwellen, sogenannten »Backkarren«, in Gebrauch, die das Durcharbeiten des Torfschlammes automatisch während der Fahrt von der Torfkuhle zum Trockenland übernahmen. Eine Karrenfüllung reichte für den Inhalt der 78teiligen Form aus. Diese halbmechanisierte Form der Torfgewinnung wurde im 20. Jh. durch Torfpreßmaschinen abgelöst.
Eine Sonderform der Torfsodengewinnung in Dithmarschen bestand darin, daß der Brei auf dem Trockenland mit Tretbrettern zu einer dicken gleichmäßigen Schicht ausgetreten wurde, die man dann mit dem Torfschneider in Soden schnitt. Diese Technik findet ihre Parallele in der Herstellung von »Ditten« aus Kuh- und Schafdung auf den Halligen, wo es sonst kaum Brennmaterial gibt. Der Dung wurde zu einem gleichmäßigen Brei zertreten, dann mit dem »Ditten-stampfer« gestampft und mit dem »Dittenspitter« in quadratische Soden zerteilt.
Die große hölzerne Forke diente zum Verladen der Soden auf große Wagen, mit denen der Torf zum Hof bzw. zum Verkauf abgefahren wurde. Schon am Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Torfverbrauch in Schleswig-Holstein auf ca. 2,5 Milliarden Soden pro Jahr taxiert. Dieser Verbrauch stieg in der 1. Hälfte d. 19. Jahrhunderts durch die Verwendung von Torf in Ziegeleien, Glashütten, Eisengießereien, Zuckerraffinerien und anderen Industriebetrieben beträchtlich an, so dass man die Bedeutung, die Brenntorf im Wirtschaftsleben Schleswig-Holsteins im 19. Jh. besaß, kaum überschätzen kann. Seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts trat dann Kohle in wachsendem Maße dazu, so dass die Verwendung von Torf allmählich auf seine ursprüngliche Bedeutung als Brennmaterial für den ländlichen Hausbedarf zurückfiel. Die Notzeit der 1940er Jahre brachte noch einmal ein Wiederaufleben der Torfgewinnung, das aber nur von kurzer Dauer war.
Von den riesigen Moorgebieten, die Schleswig- Holstein einstmals besessen hat, sind heute nur noch geringe Reste erhalten. Ein Teil davon ist inzwischen unter Naturschutz gestellt worden, damit hat die Brenntorfgewinnung für den Eigenbedarf praktisch ein Ende gefunden. Kommerzielle Torfgewinnung für den Gartenbaubedarf wird dagegen leider auch jetzt (1982) noch betrieben.
Dokumentationsfilme zum Thema:
Torfstechen in Holstein, 1970, Arnold Lühning: https://av.tib.eu/media/11819
Torfgewinnnung in Damendorf: https://av.tib.eu/media/11777